Wer in Österreich Deutsch lernt oder mit österreichischen Muttersprachler:innen kommuniziert, wird schnell bemerken: Das Deutsch, das hier gesprochen wird, klingt und klingt anders als das aus Norddeutschland, der Schweiz oder dem Lehrwerk. Das sogenannte österreichische Deutsch – oder Österreichisches Standarddeutsch – ist keine Mundart, sondern eine vollwertige nationale Varietät der deutschen Sprache mit eigener Grammatik, eigenem Wortschatz und eigener Aussprache. In diesem Artikel erfahren Sie die wichtigsten Unterschiede.
Österreichisches Standarddeutsch ist die offizielle Schrift- und Hochsprache Österreichs. Es wird in Schulen, Medien, Behörden und formellen Texten verwendet. Es unterscheidet sich vom bundesdeutschen Hochdeutsch in Wortschatz, Aussprache und teilweise in der Grammatik – ist jedoch nicht mit österreichischen Dialekten (Wienerisch, Steirisch, Vorarlbergisch) zu verwechseln, die noch stärker vom Standard abweichen.
1. Geschichte und Status
Österreichisches Standarddeutsch ist seit dem EU-Beitritt Österreichs 1995 offiziell anerkannt. Ein eigenes Protokoll zur EU-Mitgliedschaft sichert die Verwendung von 23 typisch österreichischen Ausdrücken in EU-Dokumenten, darunter Bezeichnungen für Lebensmittel wie „Erdapfel" (statt „Kartoffel") oder „Faschiertes" (statt „Hackfleisch"). Das zeigt: Das österreichische Deutsch ist keine Abweichung – es ist ein gleichwertiger Standard.
2. Wortschatz – die größten Unterschiede
Der auffälligste Unterschied liegt im Alltagswortschatz. Viele Wörter, die in Deutschland selbstverständlich sind, kennt man in Österreich nicht – oder bezeichnet damit etwas anderes. Umgekehrt verwenden Österreicher:innen Begriffe, die Deutsche oft erst nachschlagen müssen. Diese Unterschiede betreffen vor allem Lebensmittel, Verwaltungssprache und Alltagsgegenstände.
3. Aussprache – typische Merkmale
Die österreichische Aussprache unterscheidet sich vor allem in Intonation, Vokalqualität und bestimmten Konsonanten. Das „ch" in „ich" wird in vielen Regionen Österreichs als „sch" gesprochen (Wiener Zungenschlag). Das „s" vor Konsonanten bleibt stimmlos. Viele Vokale werden offener und gedehnter gesprochen als im Norden. Diese Aussprachemerkmale sind Teil der österreichischen Sprachidentität und vollkommen standardgemäß.
4. Grammatikalische Besonderheiten
Auch grammatikalisch gibt es Unterschiede. In Österreich wird das Perfekt häufiger verwendet als das Präteritum – man sagt „ich habe gegessen" statt „ich aß". Das Präteritum gilt in der gesprochenen Sprache vieler Österreicher:innen als unnatürlich oder geschraubt. Auch der Genitiv wird in informellen Kontexten seltener eingesetzt; der Dativ übernimmt häufig seine Funktion.
Die folgende Tabelle zeigt die gebräuchlichsten Unterschiede im Alltagswortschatz zwischen österreichischem und bundesdeutschem Hochdeutsch:
| Österreichisch | Deutsch (Deutschland) | Bedeutung |
|---|---|---|
| der Erdapfel | die Kartoffel | potato |
| das Faschierte | das Hackfleisch | minced meat |
| das Paradeis | die Tomate | tomato |
| der Marillenknoedel | der Aprikosenknoedel | apricot dumpling |
| die Jause | die Brotzeit / der Imbiss | snack / light meal |
| die Semmel | das Brötchen / die Schrippe | bread roll |
| die Matura | das Abitur | high school leaving exam |
| das Gymnasium (5.–8. Klasse) | die Oberstufe (ab Kl. 11) | upper secondary school |
| der Strizi | der Gauner / der Schwindler | scoundrel / cheat |
| leiwand | super / toll / klasse | great / awesome (informal) |
| der Tüchel / das Fetzenl | der Lappen / das Tuch | cloth / rag |
| schauen | gucken / kucken | to look / to watch |
Was jede:r Deutschlernende über österreichisches Standarddeutsch wissen sollte – kompakt zusammengefasst:
In der gesprochenen Sprache dominiert das Perfekt: „Ich habe das gesagt" – nicht „Ich sagte das." Das Präteritum wirkt in Österreich in mündlichen Kontexten unnatürlich.
Erdapfel, Marille, Kren, Karfiol, Zucchini (oft mit it. Aussprache) – wer in Wien einkauft, braucht ein anderes Vokabular als im deutschen Supermarkt.
Österreich ist bekannt für elaborierte Höflichkeitsformen: „Bitte", „Danke schön", „Küss die Hand" (Damen) und formelle Anreden sind im gesellschaftlichen Leben deutlich präsenter als in Deutschland.
Österreich legt großen Wert auf akademische Titel. „Herr Doktor", „Frau Magistra" oder „Herr Ingenieur" sind übliche Anreden – auch im Alltag und nicht nur im Beruf.
Das österreichische Wörterbuch (ÖWB) ist das offizielle Nachschlagewerk für die Rechtschreibung in Österreich und weicht in einigen Punkten vom Duden ab.
Das österreichische Deutsch ist nicht „schlechter" oder „anders" als das bundesdeutsche – es ist schlicht eine eigenständige, historisch gewachsene Varietät der deutschen Sprache, die ihren festen Platz in Literatur, Kultur und offiziellem Sprachgebrauch hat.
Sprache ist Kultur. Die Unterschiede zwischen österreichischem und bundesdeutschem Deutsch spiegeln tiefere historische und gesellschaftliche Entwicklungen wider:
Das Kaiserreich Österreich-Ungarn hinterließ einen tiefen sprachlichen Abdruck. Viele österreichische Ausdrücke stammen aus der Verwaltungssprache des 18. und 19. Jahrhunderts, aus dem Tschechischen, Ungarischen, Italienischen und Slowenischen – Sprachen der Vielvölkermonarchie.
01Der Wiener Dialekt hat traditionell ein höheres Prestige als andere österreichische Dialekte. Viele wienerische Ausdrücke haben Eingang in die Umgangssprache ganz Österreichs gefunden und prägen das Bild des „typischen" österreichischen Deutsch.
02Österreichische Medien (ORF, Der Standard, Die Presse) verwenden konsequent österreichisches Standarddeutsch. Auch die österreichische Literatur – von Schnitzler bis Bachmann, von Jelinek bis Kehlmann – hat eigene sprachliche Ausdrucksweisen geprägt.
03Die Frage „Sprechen Österreicher:innen richtiges Deutsch?" ist politisch und emotional besetzt. Viele Österreicher:innen betonen ihre sprachliche Eigenständigkeit bewusst als Teil ihrer nationalen Identität – weit entfernt von der deutschen Normsprache.
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Tipps für Deutschlernende in Wien
Wenn Sie in Wien Deutsch lernen, begegnen Ihnen beide Ebenen: das Standarddeutsch im Unterricht und das österreichische Alltagsdeutsch auf der Straße, im Café und im Supermarkt. Lassen Sie sich davon nicht verunsichern. Ihr Kursleiter:in wird Ihnen das neutrale Standarddeutsch beibringen – das ist überall verständlich. Gleichzeitig lohnt es sich, typisch österreichische Ausdrücke zu lernen: Sie werden sofort freundlicher von Einheimischen aufgenommen, wenn Sie nach einem „Erdapfelpüree" fragen statt nach „Kartoffelbrei".
Österreichisches Deutsch in der Prüfung
In den offiziellen österreichischen Sprachprüfungen (ÖSD – Österreichisches Sprachdiplom Deutsch) werden ausdrücklich österreichische Sprachnormen verwendet. Das bedeutet: Österreichische Wörter, Schreibweisen und Ausdrucksweisen sind in diesen Prüfungen nicht nur akzeptiert, sondern erwartet. Wer in Österreich lebt und hier eine Prüfung ablegen möchte, sollte daher gezielt österreichisches Standarddeutsch lernen – nicht ausschließlich bundesdeutsches Hochdeutsch.